Mein bester Freund hat sich am 7. März völlig überraschend auf die Gleise gelegt in Düsseldorf Benrath.
Er tat dies in völliger Ruhe und obgleich sich noch Wartende bemühten, ihn von den Gleisen zu ziehen, war es zu spät.
Er hatte sich seelenruhig mit dem Bauch nach unten auf die Gleise gelegt und der einfahrende ICE, der mit 180 km/h fuhr, hatte zwar noch eine Notbremsung versucht, aber es war zu spät.
Mein Freund war bei dieser Geschwindigkeit innerhalb von 1 Sekunde tot!
Ich war eine Woche später am Gleis und sah selbst, mit welcher unglaublichen Geschwindigkeit der Zug durchfuhr. Eine Sekunde.
Trotz Notbremsung war der Bremsweg lang bei der Geschwindigkeit und leider sind seine Gedärne und Körperteile weit verstreut gewesen. Ich schreibe dies, weil ich den Tod schonungslos darstellen möchte.
Für mich war dies ein sehr großer Schock und auch eine Zäsur im Leben. Hat es sich gezeigt, wie schnell und wie zerbrechlich das Leben ist. 1 Sekunde...
Er war wohl überarbeitet, denn er arbeitete als Therapeut in einer Sozialpsychiatrie. Ferner hatte er wohl sebstmanisch-depressive Episoden bei sich entdeckt und da er wohl wusste, wie diese schreckliche Erkrankung endete, hat er sich auf die Gleise gelegt.
Körperlich war er gesund und mit 54 Jahren noch recht "jung."
Wir hatten zusammen studiert ; das Studium ist nicht einfach und oftmals hat er mir geduldig geholfen, wenn ich als junger Mann, impulsiv alles hinschmeißen wollte und frustriert war.
Er war mein bester Freund, meinem Herzen sehr nah und ich habe ihn geliebt. Selbst für mich kam dies sehr überraschend, da er nie viel von sich und seinen Gefühlen gesprochen hatte.
Er war ein herausragender Therapeut und hat vielen Menschen geholfen. Doch leider konnte er sich nicht selbst helfen, noch über seine Lage sprechen. Er sagte nur, er würde schlecht schlafen und es ginge ihm nicht gut. Mehr nicht. Weiteres war auch nicht herauszubekommen. Eine Sekunde...
Ferner war er ein Kunstsammler und selber Künstler. Er hat Gedichte geschrieben wie ich und er war der Größere von uns beiden. Seine Expertise in Sachen Kunstwissen war erstaunlich und auch sein milder Humor und seine Vernunft, die ich oft bewundert hatte. Er war mit vielen Künstlern verbunden und er selbst hatte eine große Kunstsammlung.
Seine Wohnung war stets sehr sauber und seine Ausstattung vortrefflich in der Weise, dass er ausgewählte Möbel besaß.
Wir hatten unsere Differenzen, hatten uns auch mitunter in den Haaren, jedoch war die Liebe in der Freundschaft zwischen uns nie in Gefahr.
Ich trauere noch ; er wird bis zu meinem letzten Atemzug bei mir sein. Eine gewisse Leere ist in mir, denn wir hatten fast jeden Abend gechattet und uns von unseren Erlebnissen des Tages berichtet. Er ist den Weg nach dem Studium in die Psychiatrie gegangen, ich den in die Psychologie.
Er war hochintelligent, humanistisch gebildet und hinterließ Kunstbücher, in denen er jedes seiner Kunstwerke aufführte und hervorragend fotografiert hatte und sie fachlich brilliant schilderte und besprach, auch im historischen Kontext.
Eine gute Wiedergeburt hat er bestimmt schon erlebt. Ein guter Mensch ist von uns gegangen. Möge er in den Bereich der Götter wiedererscheinen und möge Amitabha Buddha, in seine grenzenlosen Mitgefühl ihn liebevoll begleiten.
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